Grönland Expedition: Dort, wo Eisberge geboren werden
Dies wird mein zweiter Besuch in Grönland, und doch fühlt es sich an, als würde ich ein neues Kapitel eines alten Buches aufschlagen. Schon auf meiner ersten Arktisreise hatte ich hier mehrfach Station gemacht – kurze Begegnungen, die damals Neugier statt Sättigung weckten. Diesmal aber soll es tiefer hinein gehen: Zusammen mit Regine will ich das Inlandeis betreten, die Diskobucht erkunden, den Ilulissat Eisfjord erleben und dem gigantischen Gletscher Sermeq Kujalleq ganz nahekommen.
Anreise – Von München über Kopenhagen nach Kangerlussuaq
Der Flug nach Grönland ist wie eine langsame Verwandlung. Deutschland bleibt zurück, dann gleitet man über das weiche Grün Dänemarks – und plötzlich, fast ohne Übergang, öffnet sich das unendliche Weiß der arktischen Welt unter den Tragflächen.
Kangerlussuaq liegt tief im Inneren eines 180 Kilometer langen Fjords, geschützt zwischen kargen Hügelketten und weit geschwungenen Gletschertälern. Auf den ersten Blick mag es wie eine abgelegene Siedlung wirken, doch es ist Grönlands wichtigstes Tor zur Welt – und seit Kurzem steht seine Umgebung sogar auf der Liste des UNESCO-Welterbes.
Kangerlussuaq – Tor zum Inlandeis
Nur 25 Kilometer trennen den Ort vom Rand des gewaltigen Inlandeises – ein dünner Streifen Erde zwischen menschlicher Zivilisation und einer Eisfläche, die größer ist als ganz Deutschland.
Die Fahrt zum Inlandeis Wir steigen in ein speziell konstruiertes Geländefahrzeug, das uns durch Grönlands wilde Kontraste führen soll:– links grüne, moosige Täler, in denen vereinzelte Blumen trotzig gegen die Kälte blühen– rechts eine arktische Wüste, in der Sand durch die Luft wirbelt
Weiterflug nach Ilulissat – Stadt der Eisberge
Der Flug entlang der Küste lässt die Vorfreude steigen. Wer rechts im Flieger sitzt, wird mit einem Anblick belohnt, der in Erinnerung brennt: immer größere Eisberge tauchen unter uns auf, einige wie Kathedralen aus reinem Licht.
Ilulissat – „Stadt bei den Eisbergen“ –
liegt eingebettet zwischen bunten Häusern, knurrenden Schlittenhunden und der ewigen Bewegung des Gletschereises. Seit über 4000 Jahren leben Menschen hier, und noch heute ist das Meer ihre Lebensader. Der Sermeq Kujalleq, einer der schnellsten Gletscher der Welt, schiebt täglich rund 40 Meter Eis Richtung Meer. Die Eisberge, die er freigibt, prägen die Silhouette der Stadt – ein Blick aus den Fenstern reicht, um diese weißen Giganten zu sehen.
Hotel Arctic – Wohnen über dem Eis
Unser Quartier, das Hotel Arctic, liegt etwas oberhalb der Stadt. Schon beim Betreten begeistert die Aussicht: Der Ilulissat Eisfjord breitet sich vor uns aus wie ein Gemälde, das mit jedem Lichtwechsel neu entsteht. Es lockt ein grönländisches Buffet. Essen mit Blick auf Eisberge.
Entdeckungen rund um Ilulissat
1. Spaziergang nach Sermermiut
Die leicht zugängliche Wanderung führt entlang eines Holzstegs zu einem der schönsten Aussichtspunkte am Fjord. Hier lebten vor 4500 Jahren die ersten Menschen der Gegend – und es braucht wenig Fantasie, um zu verstehen, warum.Der Blick auf die „Altweiberkluft“, wo steile Felsen ins Eis übergehen, ist überwältigend.
2. Bootsfahrt im Eisfjord
Gigantische Eisriesen liegen an der Mündung des Ilulissat Eisfjords fest – Grund für eine der spektakulärsten Bootsfahrten der Welt.Zwischen ihnen hindurchzugleiten ist wie eine Reise durch einen Märchenpalast aus gefrorenem Licht.
Die gleiche Tour zweimal zu unternehmen, erscheint zunächst übertrieben – doch die beiden Erlebnisse sind völlig verschieden.
Die Diskobucht – Wo Eisberge und Wale sich begegnen
Die größte Bucht Grönlands ist ein Paradies aus Wasser, Fels und wanderndem Eis. Viele Walarten kommen im Sommer aus der Karibik hierher. Auf unserer Bootstour gleiten wir durch tiefblaues Wasser, während das Schnauben der Wale zwischen den Eisbergen widerhallt.Hier wirkt die Natur grenzenlos und lebendig.
Mit einem Boot geht es zur Glacier Lodge Eqi – Am Fuß des kalbenden Gletschers.
80 Kilometer nördlich von Ilulissat liegt die Lodge – einfache Hütten und Zelte, betrieben mit Solarenergie, mitten in einer der aufregendsten Landschaften der Welt. Vor uns: der Eqi-Gletscher, einer der aktivsten Grönlands. Stundenlang kann man das Donnern und Krachen hören, wenn neue Eisbrocken abbrechen und ins Meer stürzen. Ein Ereignis, das von überschlagenden Echos und meterhohen Wellen begleitet wird. Hier, wo einst berühmte Forscher wie Paul-Émile Victor oder Alfred Wegener ihre Expeditionen starteten, spürt man die Nähe zur Geschichte.
Helikopterflug über den Sermeq Kujalleq
Der Höhepunkt der Reise: ein Helikopterflug über einen der produktivsten Gletscher der Erde.Wir schweben über:
– zerklüftete Eisschluchten
– türkisfarbene Schmelzwasserseen
– haushohe Eisformationen
Der Gletscher bewegt sich bis zu 40 Meter am Tag – ein lebendiger Gigant. Nach der Landung am Rand des Inlandeises sind wir 30 Minuten völlig allein in einer Welt aus weißem Schweigen. Nur der Wind spricht.
Rückreise – Abschied vom Eis
Über Kopenhagen geht es schließlich zurück nach München.
Doch Grönland reist mit. In den Gedanken. In den Ohren, als fernes Echo des kalbenden Eises. In den Augen, als Erinnerung an endlose Weite. Und im Herzen – als Sehnsucht, eines Tages wiederzukommen.
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Expedition kanadische Arktis und Nordwestgrönland –
Abenteuer zwischen Eis und Ehrfurcht
Es gibt Reisen – und es gibt Expeditionen, die sich wie ein leises, ehrfürchtiges Eintreten in eine andere Welt anfühlen. Meine begann in Reykjavík, der nördlichsten Hauptstadt Europas, wo die Reykjavík zwischen Lavafeldern und Nordatlantik liegt. Hier wartete die Hanseatic Inspiration – ein Schiff höchster Eisklasse, gebaut für Gewässer, die andere meiden.
Schon beim Ablegen lag eine knisternde Erwartung in der klaren Luft: Vor uns lagen die Weiten der Arktis, die legendäre Nordwestpassage, Grönlands gewaltige Fjorde und die Einsamkeit Kanadas.
Skjoldungensund – Das Tor zur Wildnis
Die Südostküste Grönlands empfing uns rau und erhaben. Im Skjoldungensund ragten zerklüftete Berge steil aus dem Meer, Nebelschwaden zogen wie lebendige Wesen durch die Täler. Eisberge trieben lautlos vorbei – blau schimmernde Kathedralen aus uraltem Gletschereis.
Hier wurde mir bewusst, wie klein wir sind. Kein Laut außer dem Knacken des Eises, dem Ruf eines Seevogels – und dem leisen Summen der Zodiacs, die uns zwischen die Eisskulpturen brachten.
Durch den Prins Christian Sund – Türkis, Eis und Wasserfälle
Als türkis schillernde Schönheit offenbarte sich der Prins Christian Sund. Diese schmale Meerenge trennt das grönländische Festland vom Archipel rund um Kap Farewell und verbindet Labrador- und Irmingersee.
Steile Felswände, an denen Wasserfälle wie silberne Fäden herabstürzen. Gletscherzungen, die direkt ins Meer kalben. Treibende Eisberge, die durch die enge Passage gleiten. Und plötzlich – ein gewaltiger Atemstoß: Ein Buckelwal tauchte auf, hob majestätisch die Fluke und verschwand wieder in der Tiefe.
Momente wie dieser brennen sich ein.
Evighedsfjord – Ewigkeit aus Fels und Eis
Weiter nördlich, im gewaltigen Evighedsfjord, richtete sich mein Blick unweigerlich nach oben. Die Felswände stiegen fast senkrecht aus dem Wasser, als wollten sie den Himmel berühren.
Bei einer Zodiacfahrt landeten wir an einem abgelegenen Ufer. Die Luft war von einer Reinheit, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Beim Wandern über tundrigen Boden, zwischen Zwergweiden und arktischen Blumen, herrschte eine Stille, die fast ehrfürchtig machte.
Hier existiert nur Weite. Und Zeit scheint bedeutungslos.
Aasiaat und die Disko-Bucht – Leben am Rand der Welt
Im grönländischen Dorf Aasiaat, etwa 250 km nördlich des Polarkreises, erhielt ich Einblicke in das Leben der Inuit – früher wie heute. Bunte Holzhäuser trotzen Wind und Winter. Kinder spielten zwischen Schlitten und Booten. Die Gemeinschaft wirkt klein – aber stark.
Dann öffnete sich die Bühne für eines der spektakulärsten Naturschauspiele der Arktis: die Disko-Bucht. Gewaltige Eisberge trieben durch die weite Bucht, viele von ihnen geboren vom legendären Sermeq Kujalleq bei Ilulissat – einem der schnellsten Gletscher der Welt.
Bis zu 40 Meter pro Tag schiebt er sich voran. Über 1.000 Meter dick ist das Eis an manchen Stellen. Man spürt hier unmittelbar, dass diese Landschaft im Wandel ist – ein stiller, aber unaufhaltsamer Zeuge des Klimawandels.
Zwischen den Eisgiganten tauchten immer wieder Wale auf, Robben ruhten auf Eisschollen. Ein lebendiges, fragiles Paradies.
Baffin Bay – Auf den Spuren von William Baffin
Die Fahrt durch die Baffin Bay ließ ihren Namensgeber, den englischen Entdecker William Baffin, lebendig werden. Er suchte hier im 17. Jahrhundert vergeblich nach der Nordwestpassage.
Die See war ruhig – doch die Geschichte dieser Gewässer ist geprägt von Entbehrung, Mut und Tragik.
Baffin Island und Beechey Island – Begegnung mit der Geschichte
Vor uns lag die gewaltige Baffin Island, die größte Insel Kanadas. Schroffe Küsten, Gletscher, endlose Tundra.
Auf Beechey Island wurde Geschichte greifbar. Bei einem stillen Spaziergang erreichte ich die Gräber der Teilnehmer der Franklin-Expedition. Die gescheiterte Suche nach der Nordwestpassage forderte hier ihren Tribut.
Der Wind wehte kalt über die Ebene. Und ich spürte Ehrfurcht – vor dem Mut, aber auch vor der Unbarmherzigkeit dieser Region.
Peel Sound, Bellot Strait und Devon Island – Im Reich der Eisbären
Die Eisverhältnisse waren günstig. Vorsichtig kreuzte unser Schiff durch den Peel Sound und nahm Kurs auf die legendäre Bellot Strait, eine enge, anspruchsvolle Passage zwischen Somerset Island und dem Festland. Nur wenige Schiffe wagen sich hierher.
Auf Devon Island, der größten unbewohnten Insel der Erde, erwartete uns pure Wildnis. Eine verlassene Station der Royal Canadian Mounted Police verstärkte das Gefühl völliger Abgeschiedenheit. Moschusochsen zogen gemächlich durch die Landschaft. In der Ferne entdeckten wir – kaum zu glauben – einen Eisbären am Ufer. Ein Moment gespannter Stille an Deck.
Qaanaaq, Smith Sound und Siorapaluk – Am Rand der Welt
Die Nordwestküste Grönlands fühlt sich an wie das Ende der bekannten Welt. In Qaanaaq folgte ich den Spuren des Polarforschers Knud Rasmussen, der von hier aus seine Expeditionen startete.
Das Eis erlaubte uns, weiter in den Smith Sound vorzudringen. Wie weit würden wir kommen? Jeder zusätzliche Kilometer fühlte sich wie ein Privileg an.
In Siorapaluk, der nördlichsten Siedlung Grönlands, stehen nur wenige Häuser vor rot-violetten Sandsteinbergen. Der Ort wirkt klein – doch seine Lage ist monumental.
Hier endet die Weltkarte nicht. Sie beginnt neu.
Sisimiut – Abschied mit Wehmut
Zum Abschluss erreichten wir Sisimiut. Die malerische Altstadt mit ihren Kolonialhäusern leuchtete im warmen Licht der Mitternachtssonne. Fischerboote lagen ruhig im Hafen, während die Berge im Hintergrund glühten.
Ich blickte zurück auf Tage voller Eis, Stille, Geschichte und Begegnungen.Diese Expedition war mehr als eine Reise.Sie war eine Lektion in Demut.
Eine Begegnung mit der Ursprünglichkeit unseres Planeten. Und sie hinterließ ein Gefühl, das bleibt:
Ehrfurcht.
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