Sibirien im Winter: Von Tschita über Jakutsk und Oimjakon nach Magadan am Ochotskischen Meer
1. Aufbruch in den sibirischen Winter
Wir sind dann mal weg. Dorthin, wo es richtig kalt ist.
Während sich in Mitteleuropa langsam der Frühling ankündigt, zeigt das Thermometer an unserem Ziel zunächst minus 22 Grad. Und ausnahmsweise hoffen wir inständig, dass es auch so bleibt. Je kälter, desto besser.
Was im ersten Augenblick widersinnig klingt, ist für unsere bevorstehende Reise entscheidend. Unsere Route wird uns über zugefrorene Flüsse und Seen führen, über Eisstraßen, Schneepisten und abgelegene Wege, auf denen Tauwetter zum ernsthaften Problem werden könnte. Wir brauchen Frost. Richtigen sibirischen Frost.
Vor uns liegt eine Winterexpedition durch eine der entlegensten Regionen der Erde: von Tschita in Transbaikalien über Tynda und Jakutsk hinein in das ostsibirische Bergland, weiter zum legendären Kältepol von Oimjakon, anschließend über die berüchtigte Kolyma-Trasse – die „Straße der Knochen“ – bis nach Magadan und schließlich an die Küste des Ochotskischen Meeres.
Fast 4.500 Kilometer werden es am Ende sein.
Ein Blick auf die Karte macht deutlich, in welche Dimensionen wir uns begeben. Östlich der Lena beginnt ein gewaltiges Berg- und Tiefland, das sich über Tausende Kilometer bis in Richtung Beringstraße erstreckt. Große Ströme wie Jana, Indigirka und Kolyma durchziehen diese menschenarme Landschaft. Dazwischen liegen Gebirge, Taiga, Permafrostgebiete, Sümpfe und Regionen, die über Jahrhunderte zu den am wenigsten erforschten Gebieten der Erde gehörten.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren weite Teile Ostsibiriens nur unzureichend kartiert. Expeditionen drangen von Jakutsk aus nach Norden und Osten vor, folgten Flussläufen oder suchten Wege zur arktischen und pazifischen Küste. Der sowjetische Geologe und Ostsibirienforscher Sergej Wladimirowitsch Obrutschew beschrieb insbesondere die Gebiete südlich der Kolyma-Route als außergewöhnlich wenig erforscht.
Und auch heute vermittelt eine Landkarte nur unzureichend, was Entfernungen in Sibirien tatsächlich bedeuten. Zwischen zwei Punkten, die auf dem Papier beinahe benachbart erscheinen, können Hunderte Kilometer menschenleerer Landschaft liegen.
Berühmt – oder besser gesagt berüchtigt – ist die Region außerdem wegen ihrer Kälte. Werchojansk und Oimjakon konkurrieren um die Bezeichnung „Kältepol der bewohnten Erde“. Temperaturen unter minus 60 Grad sind hier keine Legende. Mensch, Tier und Technik müssen sich Bedingungen anpassen, die für Mitteleuropäer kaum vorstellbar sind.
Unser Weg soll uns mitten hindurchführen.
Eine besondere Rolle spielt dabei die heutige Fernstraße R504 „Kolyma“. Sie verbindet die Region Jakutien mit Magadan an der Pazifikküste. Ihr Name klingt nüchtern, doch ihre Geschichte ist düster. Große Abschnitte der Trasse wurden während der Stalinzeit von Häftlingen des Gulag-Systems unter unvorstellbaren Bedingungen gebaut. Tausende Zwangsarbeiter verloren bei Straßenbau, Bergbau und Erschließung der Region ihr Leben.
Daher stammt der Name, unter dem die Strecke weltweit bekannt wurde: Straße der Knochen.
Heute ist sie Verkehrsweg, Lebensader und zugleich Mahnmal. Eine Straße durch eine Landschaft, in der Schönheit und Schrecken ungewöhnlich dicht beieinanderliegen.
Unser Ausgangspunkt ist Tschita.
Dort warten Dima, Igor und Wolodja auf uns. Sie sind bereits einige Tage zuvor von Barnaul im Altai aufgebrochen und haben unsere Expeditionsausrüstung nach Transbaikalien gebracht. Dima und Igor werden die beiden Fahrzeuge fahren, Wolodja übernimmt die Rolle des Kochs, Organisators und Quartiermeisters.
Wir kennen uns bereits. Mit den beiden bewährten Fahrern und unserem Quartiermeister waren Johann, Günter und ich schon in Tuwa, im Altai und in der Mongolei unterwegs. Wir wissen also, mit wem wir uns auf dieses Abenteuer einlassen.
Wir – das Siend meien Reisefreund Johann, Günter und ich. Und ungplant: Pro. Dr. Eileen Eckmeyer, Geologin, von der Universität München, , die wir unterwegs kennengelernt hatten und die spontan gefragt hat, ob sie mi tuns reisen kann.
Unsere Anreise führt über Frankfurt nach Moskau und von dort weiter nach Transbaikalien.
Von Tschita aus soll es über Amazar, Tynda, Aldan und Jakutsk weiter nach Ytyk-Kyuyol und Chandyga gehen. Danach folgen Kyubyume, Oimjakon und Ust-Nera. Schließlich wollen wir über Sussuman und Jagodnoje nach Magadan gelangen.
Die Wettervorhersage kündigt für Teile unserer Strecke Temperaturen zwischen minus 30 und minus 40 Grad an.
Andere Reisende würden sich darüber vermutlich Sorgen machen.
Wir hoffen, dass die Vorhersage stimmt.
2. Tschita – Tor nach Ostsibirien
Tschita liegt in Transbaikalien, weit östlich des Baikalsees. Rund 300.000 Menschen leben in der Stadt, in einer Region, in der unterschiedliche Landschafts- und Kulturräume aufeinandertreffen.
Hier gehen die Steppen Zentralasiens allmählich in die sibirische Taiga über. Burjatische, russische und andere asiatische wie europäische Einflüsse haben die Region geprägt. Schon lange bevor russische Siedler nach Transbaikalien kamen, lebten hier unter anderem Burjaten und Ewenken. Später entwickelten sich Handelsbeziehungen bis nach China.
Für uns ist Tschita vor allem eines: der Punkt, an dem aus Reiseplanung Wirklichkeit wird.
Unsere beiden Fahrzeuge stehen bereit, das Gepäck wird verstaut, Vorräte werden kontrolliert und die Ausrüstung noch einmal überprüft. Was wir in den kommenden Tagen vergessen haben, können wir unterwegs nicht einfach im nächsten Einkaufszentrum besorgen. Zwischen manchen Orten liegen Hunderte Kilometer.
Dann geht es los.
Wir verlassen Tschita in Richtung Osten.
Das Wetter könnte kaum schöner sein. Zwar ist es kalt, doch die Sonne strahlt von einem nahezu wolkenlosen Himmel. Die Landschaft liegt unter Schnee, der Horizont scheint endlos weit entfernt.
Immer wieder kreuzen wir die Trasse der Transsibirischen Eisenbahn. Seit mehr als einem Jahrhundert bildet sie die große Verkehrsachse Russlands zwischen Europa und dem Fernen Osten. In dieser Region wird besonders deutlich, welche Bedeutung Eisenbahnlinien in einem Land besitzen, dessen Entfernungen europäische Maßstäbe sprengen.
Weiter südlich und östlich liegt das gewaltige Flusssystem des Amur. Der Amur gehört mit mehr als 2.800 Kilometern Länge zu den großen Strömen Asiens und bildet auf langen Abschnitten die Grenze zwischen Russland und China. Schließlich mündet er gegenüber der Insel Sachalin in den Bereich zwischen Ochotskischem und Japanischem Meer.
Unser erster Reisetag vermittelt uns bereits einen Eindruck davon, was uns in den kommenden Wochen begleiten wird: Schnee, Wälder, weite Täler, Eisenbahnlinien, vereinzelte Siedlungen – und dazwischen erstaunlich viel nichts.
Am Abend wartet eine Unterkunft, die selbst für unsere Verhältnisse bemerkenswert ist: Wir schlafen in einem Möbelhaus.
Bei Günters Bett hält die Konstruktion nur dank zweier Nägel und eines Kühlschranks, der kurzerhand zur Stütze umfunktioniert wird.
Wir prüfen die Möbel in dieser Nacht ausgesprochen gründlich.
Am nächsten Morgen können wir guten Gewissens bestätigen: Die Betten haben den Belastungstest bestanden.
3. Von Tschita nach Amazar
Am Morgen erleben wir zunächst eine Seite Russlands, die mit unserer Expedition wenig zu tun zu haben scheint.
Es ist Wahltag.
Wir besuchen das Wahllokal 107 in Tschita. An diesem Tag findet die Wahl des Präsidenten der Russischen Föderation statt. Im Wahllokal herrscht ruhiger Betrieb; besondere Vorkommnisse sind für uns nicht zu erkennen.
Danach wenden wir uns wieder unserer eigenen Tagesordnung zu.
Unser Ziel heißt Amazar.
In der Nacht waren es minus 21 Grad gewesen. Doch bereits gegen zehn Uhr entwickelt die Märzsonne überraschend viel Kraft. Wer bei Sibirien ausschließlich an Dunkelheit, Sturm und klirrende Kälte denkt, erlebt an solchen Tagen eine andere Seite des Landes. Der Himmel ist blau, der Schnee blendet in der Sonne und die Luft ist trocken und klar.
Dennoch bleibt die Kälte allgegenwärtig.
Amazar liegt am gleichnamigen Fluss und an einer Station der Transsibirischen Eisenbahn. Orte wie dieser existieren häufig deshalb, weil Fluss, Straße und Eisenbahn sich hier begegnen. Sie sind kleine Versorgungspunkte in einem riesigen Raum.
Nach unserer Ankunft beginnt ein Ritual, das uns auf der gesamten Reise begleiten wird: die Suche nach einer Unterkunft.
Hotels nach mitteleuropäischer Vorstellung sind außerhalb der größeren Städte selten. Vieles funktioniert über Kontakte, Nachfragen und Improvisation.
Nach längerem Suchen gelingt es schließlich.
Wir haben ein Dach über dem Kopf.
Mehr verlangt man in Sibirien irgendwann gar nicht mehr.
4. Von Amazar nach Tynda
Am nächsten Morgen setzen wir unsere Reise nach Osten fort.
Die Landschaft Transbaikaliens zieht an den Fenstern vorbei. Weite Flächen wechseln sich mit Waldgebieten ab, die Straße scheint sich am Horizont zu verlieren.
Zunächst folgen wir der großen Verkehrsachse nach Osten. Bei Skoworodino verändert sich unsere Richtung. Wir biegen nach Norden ab und orientieren uns nun zunehmend an der Route, die uns später in das Lena-Gebiet führen wird.
Auf einem Straßenschild oder einer Karte wirken die verbleibenden rund 3.000 Kilometer bis Magadan wie eine Zahl.
Hier draußen bekommt diese Zahl Gewicht.
Kilometer um Kilometer fahren wir durch das ostsibirische Bergland. Siedlungen werden seltener. Die Taiga übernimmt.
Schließlich erreichen wir Tynda.
Die Stadt entwickelte sich im Zusammenhang mit der Erschließung der Region und dem Eisenbahnbau und wurde später zu einem der wichtigsten Zentren an der Baikal-Amur-Magistrale. Holzverarbeitung und andere Industriebetriebe prägen den Ort.
Das Stadtbild ist typisch für viele sowjetisch geprägte Städte Sibiriens: breite Straßen, funktionale Gebäude, Plattenbauten.
Und dann steht da, beinahe wie ein Gegenentwurf zu all dem Grau, eine orthodoxe Kirche.
Wir gehen hinein und erleben einen Gottesdienst.
Draußen liegen Schnee, Schienen und Industrieanlagen. Drinnen flackern Kerzen vor Ikonen, Menschen bekreuzigen sich, der Gesang erfüllt den Raum.
Es sind solche Kontraste, die auf dieser Reise immer wieder überraschen werden.
5. Von Tynda nach Aldan
Unser Frühstück ist herzhaft: Milchreis und Pelmeni mit saurer Sahne.
Dann starten wir.
Von Tynda aus führt unsere Route weiter nach Norden. Wir überqueren die Trasse der Baikal-Amur-Magistrale und bewegen uns nun auf der Lena-Magistrale.
Vor uns liegt das Stanowoigebirge.
Die Landschaft verändert sich. Berge treten näher an die Straße, Wälder ziehen sich über die Hänge. Wir passieren Gebiete, deren Namen untrennbar mit Rohstoffen verbunden sind: Gold, Kohle, Edelmetalle.
Bei Zolotinka liegen Goldvorkommen, bei Tschulman Kohleabbaugebiete.
Es herrschen beinahe milde minus 13 Grad, dazu Sonnenschein.
Die Straße liegt über weite Strecken unter einer geschlossenen Schnee- und Eisdecke. Aus Asphalt wird eine weiße Fahrbahn, aus einer Straße eine Eisbahn.
Für unsere Fahrer Dima und Igor ist das Alltag.
Für uns nicht.
Während wir durch diese scheinbar unendliche Rohstofflandschaft fahren, kommt uns eine alte Sage in den Sinn.
Als Gott die Erde erschuf, so erzählt man sich, schickte er einen Engel mit einem Sack voller Reichtümer über Sibirien. Als der Engel über Jakutien flog, wurden seine Finger vor Kälte steif. Der Sack öffnete sich, und Gold, Silber, Diamanten und andere Schätze fielen auf die Erde.
Aus Ärger über den Verlust habe Gott das Land anschließend mit ewigem Winter bestraft.
Eine schöne Legende – und angesichts des Reichtums Jakutiens beinahe glaubhaft.
Die Republik Sacha, wie Jakutien offiziell heißt, zählt zu den rohstoffreichsten Regionen Russlands. Diamanten, Gold, Kohle, Erdöl und Erdgas lagern hier in großen Mengen.
Auch ihre Größe ist beeindruckend.
Jakutien umfasst mehr als drei Millionen Quadratkilometer. Auf eine Europakarte gelegt, würde die Republik einen gewaltigen Teil des Kontinents bedecken.
Das Gebiet reicht vom Mittelsibirischen Bergland über das Lena-Tal und das Werchojansker Gebirge bis zum Tscherskigebirge sowie den Tiefländern von Jana, Indigirka und Kolyma.
Der Permafrost prägt nahezu alles.
Boden, Häuser, Straßen, Wasserleitungen – überall bestimmt er, was möglich ist und was nicht. Im kurzen Sommer taut lediglich die oberste Bodenschicht auf. Schmelzwasser kann nicht tief versickern, weshalb sich vielerorts Sümpfe bilden und Flüsse gewaltige Wassermengen führen.
Auch ethnisch ist die Republik vielfältig.
Die Jakuten – oder Sacha – bilden das namensgebende Volk. Daneben leben hier unter anderem Ewenken, Ewenen, Dolganen, Russen und Angehörige weiterer Volksgruppen. Russisch und Jakutisch prägen den Alltag. Orthodoxes Christentum existiert neben traditionellen Vorstellungen, zu denen auch schamanistische Praktiken gehören.
Am Abend erreichen wir Aldan.
Wir übernachten in einem Privathaus.
Wolodja übernimmt wie gewohnt die Küche, während die anderen die Fahrzeuge kontrollieren und die nächste Etappe besprechen.
Morgen wartet Jakutsk.
6. Von Aldan nach Jakutsk
Der Tag beginnt mit Kascha.
Danach macht uns unser Anhänger deutlich, dass nicht nur Menschen unter sibirischen Straßen leiden. Die vergangenen Etappen haben Spuren hinterlassen, und eine Reparatur ist notwendig.
Während gearbeitet wird, spazieren wir durch den verschneiten Ort.
Das Leben wirkt ruhig. Schnee liegt auf Dächern und Straßen. Aus Schornsteinen steigt Rauch senkrecht in die kalte Luft.
Dann geht es weiter.
Unser Ziel ist Jakutsk, die Hauptstadt der Republik Sacha und eine Stadt, deren Name weltweit mit extremer Kälte verbunden ist.
Auf dem Weg dorthin erleben wir erneut jene Dimensionen, an die man sich kaum gewöhnen kann. Stunde um Stunde begleiten uns Wälder aus Lärchen und sibirischen Nadelbäumen.
Menschen sehen wir kaum.
Dafür kreuzt plötzlich ein Zobel die Straße.
Ein kurzer Augenblick – und schon ist das Tier wieder zwischen den Bäumen verschwunden.
Kurz vor Jakutsk erwartet uns einer der eindrucksvollsten Abschnitte der bisherigen Reise: die Überquerung der Lena.
Eine Brücke steht uns hier nicht zur Verfügung.
Also, fahren wir über den Fluss.
Nicht mit einer Fähre.
Sondern auf dem Eis.
Im Winter wird die gefrorene Lena selbst zur Straße. Das Eis erreicht eine gewaltige Stärke und trägt Fahrzeuge und Lastwagen.
Dennoch ist es ein eigenartiges Gefühl, mit einem Auto auf einen der größten Ströme Sibiriens hinauszufahren.
Mehrere Kilometer liegen zwischen den Ufern.
Unter uns befindet sich Eis.
Darunter Wasser.
Sehr viel Wasser.
Die Fahrspur führt quer über die weiße Fläche. Am Horizont wächst langsam Jakutsk aus der Ebene.
Wir sind angekommen in einer der kältesten Großstädte der Erde.
7. Jakutsk – Leben auf gefrorenem Boden
Jakutsk liegt am westlichen Ufer der Lena und ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Republik Sacha.
Der Ruf der Stadt eilt ihr voraus.
Kälte ist hier keine touristische Attraktion, sondern eine technische und gesellschaftliche Rahmenbedingung.
Im Januar liegen die Durchschnittstemperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Werte unter minus 40 Grad gehören zum Winter. Noch tiefere Temperaturen sind möglich.
Heute dagegen haben wir geradezu komfortable minus 17 Grad und Sonnenschein.
Fast Frühlingswetter.
Für uns jedenfalls.
Die Stadt zeigt eindrucksvoll, welche Anpassungen das Leben im Permafrost verlangt. Viele Gebäude stehen auf Pfählen oder Stützen. Würde die Wärme eines Hauses den gefrorenen Boden darunter auftauen, könnte der Untergrund instabil werden. Deshalb müssen Bauwerke thermisch vom Boden getrennt werden.
Auch Wasser- und Versorgungsleitungen stellen Ingenieure vor besondere Herausforderungen.
Autos sind ein eigenes Kapitel.
Bei extremer Kälte lassen manche Bewohner ihre Motoren über lange Zeit laufen oder verfügen über spezielle Heizsysteme. Wer einen Motor bei Temperaturen weit unter minus 40 Grad vollständig auskühlen lässt, könnte am nächsten Morgen Schwierigkeiten bekommen, ihn überhaupt wieder zu starten.
Während unseres Aufenthalts besuchen wir einen Permafrosttunnel.
Wir steigen hinab in den dauerhaft gefrorenen Untergrund und bewegen uns durch eine Welt aus Erde und Eis. Was oben abstrakt „Permafrost“ heißt, bekommt hier eine konkrete Gestalt.
Danach steht das Mammutmuseum auf unserem Programm.
Kaum irgendwo passen Mammuts besser hin als nach Jakutien. Im Permafrost wurden immer wieder erstaunlich gut erhaltene Überreste der eiszeitlichen Tiere gefunden.
Schließlich geht es noch einmal auf die Lena.
Ein Eispark zeigt, welche Kunstwerke sich aus dem Material herstellen lassen, das diese Region über Monate im Griff hat.
Jakutsk ist für viele Expeditionen Ausgangspunkt oder letzte große Versorgungsstation.
Auch für uns markiert die Stadt einen Übergang.
Bis hierher war die Reise bereits außergewöhnlich.
Doch nun beginnt der Teil, wegen dem wir eigentlich gekommen sind.
Vor uns liegt die Kolyma.
8. Von Jakutsk nach Ytyk-Kyuyol – Beginn der Straße der Knochen
Am Morgen zeigt das Thermometer minus 21 Grad.
Die Sonne scheint.
Wir verlassen Jakutsk und fahren weiter nach Osten.
Unser Tagesziel ist Ytyk-Kyuyol. Der Name bedeutet im Jakutischen sinngemäß „Heiliger See“. Die Siedlung liegt in einer ländlich geprägten Region im Einzugsgebiet des Aldan.
Hier leben viele Menschen traditionell von Viehzucht, insbesondere von Rindern und Pferden, daneben von Holzproduktion und Landwirtschaft.
Mit dieser Etappe beginnt für uns endgültig die Reise auf den historischen Routen Richtung Kolyma.
Doch zunächst bremsen wir für einige Männer, die auf einem zugefrorenen Nebenarm der Lena beim Eisfischen sind.
Eisangeln klingt romantisch.
Die Realität beginnt mit Arbeit.
Zunächst muss ein Loch durch eine dicke Eisschicht gebohrt werden. Fast zwei Meter Eis liegen zwischen Angler und Wasser.
Wir beobachten interessiert.
Die Fischer beobachten wiederum interessiert uns.
Wenig später stehen wir gemeinsam auf dem Eis und werden mit Pfannkuchen und Wodka bewirtet.
Eine sibirische Begegnung nach Maß.
Dann geht es weiter.
Wieder Wälder.
Wieder Schnee.
Wieder Kilometer um Kilometer fast ohne Siedlung.
Am Straßenrand sehen wir Pferdeherden. Die Tiere scharren mit ihren Hufen den Schnee beiseite, um an das darunterliegende Gras zu gelangen.
Jakutische Pferde sind erstaunlich an das extreme Klima angepasst. Selbst tiefste Wintertemperaturen überstehen sie im Freien.
Unterwegs stoppen wir bei einem Schamanen namens Tatta.
Auch geologisch wird die Landschaft interessanter. Am Rand unserer Strecke fallen uns Hügel und Bodenformen auf, die mit dem Permafrost zusammenhängen. Gefrierendes Wasser kann im Untergrund Eisformen bilden und den Boden anheben.
Zum Glück haben wir Professor Doktor Eileen Eckmeier dabei.
So wird aus einer Straßenpause unvermittelt eine geologische Vorlesung mitten in Sibirien.
Am Mittag essen wir bei einer jakutischen Familie.
Die Gastfreundschaft, der wir unterwegs begegnen, gehört zu den angenehmsten Erfahrungen dieser Reise. Trotz sprachlicher Grenzen funktioniert vieles mit Gesten, Lachen und gemeinsamem Essen.
In Ytyk-Kyuyol finden wir ein Gasthaus.
Unser Vierbettzimmer wirkt ausgesprochen heimelig.
Vor der Unterkunft steht ein Panzer.
Das vermittelt zumindest ein gewisses Gefühl von Sicherheit.
In der Nacht stellt sich allerdings heraus, dass die größere akustische Bedrohung im Zimmer liegt.
Meine Weggefährten schnarchen derart eindrucksvoll, dass der Panzer vor der Tür beinahe Konkurrenz bekommt.
Es klingt, als würden seine Ketten durchs Schlafzimmer rasseln.
9. Von Ytyk-Kyuyol nach Chandyga
Wieder minus 21 Grad am Morgen.
Bevor wir aufbrechen, sehen wir uns einige typische Häuser an und besuchen einen Eispark.
Dann wird gegessen.
Schaschlik.
Und gefrorenes Pferdefleisch.
Letzteres gehört zu jenen kulinarischen Erfahrungen, bei denen man erst probiert und anschließend entscheidet, ob man mehr darüber wissen möchte.
Wir verlassen Ytyk-Kyuyol in Richtung Chandyga.
Unser Weg führt zum Aldan, dem größten Nebenfluss der Lena.
Eine Straßenbrücke steht uns auf unserer Route nicht zur Verfügung.
Also, wiederholt sich, was wir bereits an der Lena erlebt haben: Der Fluss selbst wird zur Fahrbahn.
Wir fahren auf das Eis hinaus.
Zu beiden Seiten liegen aufgetürmte Eisschollen. Frost, Wasserbewegung und Druck haben eine bizarre Landschaft geschaffen.
Der Aldan ist hier kein Fluss mehr, wie wir ihn aus dem Sommer kennen würden.
Er ist Straße, Platz und Landschaft zugleich.
Auf der anderen Seite liegt Chandyga.
Die Siedlung entstand Ende der 1930er Jahre als wichtiger Ausgangspunkt für den Straßenbau in Richtung Kolyma und Magadan.
Damit führt uns die Reise nun immer tiefer in die Geschichte des Gulag.
Arbeitslager begleiteten den Bau der Straßen und die Erschließung der Rohstoffgebiete. Was für uns heute eine abenteuerliche Fahrt ist, bedeutete für Zehntausende Menschen Zwangsarbeit, Hunger, Kälte, Gewalt und Tod.
Dieser Gedanke wird uns auf den nächsten Etappen immer wieder begleiten.
10. Chandyga – Am mächtigen Aldan
Am Abend vertreten wir uns auf dem zugefrorenen Aldan die Beine.
Mehr als 2.000 Kilometer lang ist dieser Strom, dessen Name mit Gold in Verbindung gebracht wird.
Er entspringt im Bereich des Stanowoigebirges, durchquert das Aldan-Hochland und mündet schließlich nördlich von Jakutsk in die Lena.
Im Winter steht man mitten auf dem Fluss und vergisst beinahe, dass unter den Füßen Wasser fließt.
Die weiße Fläche reicht weit hinaus.
Am Ufer liegt Chandyga.
Wir übernachten in einer Privatwohnung und essen gemeinsam in der Küche.
Solche Abende gehören inzwischen zu unserem Reisealltag.
Keine Hotelbar.
Kein Zimmerservice.
Stattdessen zusammensitzen, essen, Karten anschauen, die nächste Strecke besprechen und irgendwann schlafen.
Draußen fällt die Temperatur.
Vor uns liegt eine der abgelegensten Etappen der Reise.
11. Von Chandyga nach Kyubyume – hinein ins Tscherskigebirge
Das Frühstück besteht aus Milchreis-Kascha mit Apfel.
Danach brechen wir Richtung Kyubyume auf.
Kyubyume ist kaum mehr als ein Punkt in dieser riesigen Landschaft. Nur wenige Menschen leben dort.
Für uns besitzt der Ort dennoch eine besondere Bedeutung.
Von hier aus wollen wir in Richtung Oimjakon fahren.
Zum Kältepol.
Zunächst folgen wir stundenlang der Kolyma-Straße.
Taiga.
Schnee.
Berge.
Und immer wieder dieses Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve eigentlich irgendetwas kommen müsste.
Doch meistens kommt nichts.
An einer Tankstelle legen wir einen längeren Halt ein.
Eine Tankstelle in Sibirien ist nicht zwangsläufig mit einer europäischen Rastanlage vergleichbar. Man tankt dort, weil man tanken muss – und zwar immer dann, wenn sich die Gelegenheit bietet.
Vor uns stehen Lastwagen.
Ihre Tanks fassen Mengen, die unsere Geduld auf die Probe stellen.
Fast eine Stunde warten wir, bis die Lkw ihre rund tausend Liter Kraftstoff aufgenommen haben.
Dann sind wir an der Reihe.
Weiter geht es Richtung Tscherskigebirge.
Der Wald wird lichter. Berghänge treten hervor. Die Landschaft wirkt zunehmend alpiner – nur menschenleerer.
Auf einem Pass machen wir Pause.
Kaffee wird gekocht.
Und weil Stille irgendwann auch einmal genug sein kann, sorgt Queen für die musikalische Begleitung.
Mitten im ostsibirischen Gebirge wärmen wir uns bei Kaffee und Rockmusik.
Danach verlassen wir die eigentliche Kolyma-Trasse und biegen auf die Straße Richtung Oimjakon ab.
Vor uns liegen rund 165 Kilometer Eisfahrbahn.
Im Tal sehen wir einen Fluss, dessen Oberfläche stellenweise eigenartig blau schimmert.
Eis, Wasser, wieder Eis.
Solche Aufeisungen entstehen, wenn Wasser auch im Winter aus dem Boden oder aus Flüssen austritt und Schicht für Schicht gefriert. Im Russischen und in den regionalen Sprachen gibt es dafür eigene Bezeichnungen.
Für den Fahrer sehen diese Eisflächen wunderschön aus.
Und gleichzeitig tückisch.
Am Abend erreichen wir unser Quartier.
Wieder ein Privathaus.
Draußen beginnt eines der kältesten bewohnten Gebiete der Erde.
12. Oimjakon – am Kältepol der bewohnten Welt
Der Morgen beginnt freundlich.
Etwas Sonne.
Doch schon bald wird der Himmel milchig, leichter Schnee setzt ein.
Zum Frühstück gibt es Graupen mit fetter Wurst.
Ich entscheide mich spontan für die internationale Sicherheitsvariante:
Kekse und Kaffee.
Dann fahren wir nach Tomtor.
In der dortigen Schule befindet sich ein kleines Museum, das sich unter anderem mit der Gulag-Geschichte der Region beschäftigt.
Zu unserer Überraschung entdecken wir dort einen Namen, den wir aus Deutschland kennen: Klaus Bednarz.
Der Journalist war für eine ARD-Reportage in dieser Region unterwegs. Sein Buch „Östlich der Sonne“ hat es bis nach Tomtor geschafft und wird uns stolz gezeigt.
Ein Stück deutsche Fernsehgeschichte am Ende der Welt.
Dann fahren wir weiter nach Oimjakon.
Die Landschaft wird noch einsamer.
Pferde stehen im tiefen Schnee.
Keine Häuser.
Keine Menschen.
Keine sichtbaren Stromleitungen.
Die Fahrbahn verdient stellenweise kaum noch die Bezeichnung Straße. Sie gleicht eher einem hart gefrorenen Feldweg.
Uns wird bewusst, wie abhängig wir von unseren Fahrzeugen sind.
Eine Panne hier draußen wäre kein kleines Ärgernis.
Sie wäre ein ernstes Problem.
Ein milchiger Schleier liegt über der Landschaft. Wind treibt feinen Schnee über die Straße. Sobald man das Fahrzeug verlässt, spürt man die Kälte im Gesicht.
Dann erreichen wir Oimjakon.
Das Dorf zählt nur wenige Hundert Einwohner und besitzt dennoch weltweite Berühmtheit.
Gemeinsam mit Werchojansk gilt Oimjakon als einer der kältesten dauerhaft bewohnten Orte der Erde.
Der Ortsname wird häufig mit einer „nicht gefrierenden“ oder warmen Quelle in Verbindung gebracht – eine wunderbare Ironie angesichts der Temperaturen, die hier gemessen werden.
Oimjakon liegt in einem Tal im Einzugsgebiet der Indigirka, eingerahmt von den Gebirgszügen Ostsibiriens.
Die Topografie trägt wesentlich zur extremen Kälte bei.
Im Winter sammelt sich schwere, kalte Luft in den Tälern. Wärmere Luftmassen erreichen die Region nur schwer. Gleichzeitig sind die Nächte lang und der Himmel häufig klar.
So können die Temperaturen auf Werte sinken, die sich ein Mitteleuropäer kaum vorstellen kann.
Als wissenschaftlich dokumentierter Extremwert werden für die Region Temperaturen um minus 67 Grad genannt.
Am bekannten Kältepol-Denkmal findet sich außerdem die legendäre Angabe von minus 71,2 Grad. Dieser Wert ist jedoch nicht als reguläre meteorologische Messung anerkannt.
Schon minus 50 Grad wären für uns kaum vorstellbar.
Minus 60 erst recht.
Das Erstaunliche ist der Kontrast zum Sommer. Dann können die Temperaturen in dieser kontinentalen Region auf über 30 Grad steigen.
Zwischen Winter und Sommer sind damit Schwankungen von nahezu hundert Grad möglich.
Menschen müssen hier mit dieser Extreme leben.
Tiere auch.
Und ebenso Häuser, Fahrzeuge, Leitungen und Maschinen.
Wir stehen vor dem Kältepol-Denkmal und genießen den Augenblick.
Wir sind tatsächlich hier.
Oimjakon.
Ein Name, der bisher nur auf Karten, in Büchern und Dokumentarfilmen existierte.
Nun stehen wir mitten darin.
Am Abend kehren wir in unser Privathaus zurück.
In der Küche gibt es Nudeln mit Soße.
Und Wodka.
Der ist zwar nicht zwingend notwendig, verbessert aber die Interpretation der Außentemperatur erheblich.
13. Von Kyubyume über die Oimjakon-Trasse nach Ust-Nera
Wolodja serviert zum Frühstück Rührei.
Es glänzt beeindruckend.
Sehr viel Fett.
Ich denke an die kommenden Stunden im „Nirgendwo“, an die sibirischen Toilettenverhältnisse und an die Außentemperatur.
Eine strategische Entscheidung fällt:
Ich verzichte.
In der Nacht hat es geschneit.
Leichte Schneeschauer begleiten unseren Aufbruch.
Wir fahren zunächst von Tomtor zurück in Richtung Kolyma-Trasse.
Vor uns hat glücklicherweise bereits ein Lastwagen eine Spur gezogen.
Das erleichtert die Orientierung.
Nicht jedoch das Fahren.
Die Straße ist glatt, Schnee verweht die Ränder und Dima und Igor müssen permanent konzentriert bleiben.
Dass Fehler hier Folgen haben, sehen wir bald.
Ein Kohlelaster ist von der Straße abgekommen und die Böschung hinuntergerutscht.
Das Fahrzeug liegt schräg im Schnee.
Eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass selbst erfahrene Fahrer gegen Eis, Gefälle und Schwerkraft nicht immer gewinnen.
Weiter geht es.
Wir passieren verlassene Siedlungen.
Manche Orte wurden nach dem Ende der Sowjetunion aufgegeben, weil Bergwerke geschlossen wurden oder Arbeitsplätze verschwanden.
Zurück blieben Gebäude.
Leere Fenster.
Verfallene Häuser.
Straßen, die nirgendwohin zu führen scheinen.
Stundenlang begegnen wir kaum Menschen.
Nur Wald.
Immer wieder Wald.
Schließlich erreichen wir erneut die Kolyma-Trasse.
Zeit zum Tanken.
Im Café „Kuba“, einer Fernfahrergaststätte, essen wir zu Mittag.
Dann geht es wieder hinaus.
Die Straße der Knochen macht ihrem Ruf als anspruchsvolle Route alle Ehre.
Blankes Eis.
Keine Leitplanken.
An manchen Stellen fällt das Gelände unmittelbar neben der Fahrbahn steil ab.
Wer hier unachtsam wird, hat kaum Raum für Korrekturen.
Wir überqueren das Tas-Kystabyt-Gebirge.
Mehrere Lastwagen kämpfen mit einer Steigung.
Ihre Räder drehen durch.
Die Fahrer springen hinaus und ziehen Schneeketten auf.
Am Oltschanski-Pass, auf über tausend Metern Höhe, stehen schließlich weitere Lkw.
Für sie geht es auf dem vereisten Abschnitt vorerst nicht weiter.
Wir kommen mit den Fahrern ins Gespräch.
Sprachen können Hindernisse sein.
Wodka nicht.
Am frühen Abend erreichen wir Ust-Nera.
Die Siedlung liegt im Tscherskigebirge an der Mündung der Nera in die Indigirka.
Das Klima gehört zu den extrem kontinentalen Klimazonen Sibiriens.
Auch Ust-Nera verdankt seine Entwicklung dem Rohstoffreichtum der Region.
Gold lockte Menschen hierher.
Und das sowjetische Lagersystem brachte andere gegen ihren Willen.
In den 1930er Jahren entstand der Ort im Zusammenhang mit der Erschließung der Goldfelder an Indigirka und Kolyma. Auch hier war das Gulag-System über lange Zeit Teil der Realität.
Wir schlafen in einem Ort, dessen Geschichte genauso hart ist wie sein Klima.
14. Von Ust-Nera nach Sussuman
Am nächsten Morgen präsentiert sich Sibirien von seiner schönsten Seite.
Die Sonne scheint.
Der Himmel ist klar.
Wir frühstücken in einem Café: Spiegelei mit Pommes.
Danach wartet wieder die Straße der Knochen.
Dima und Igor stehen während der Fahrt über CB-Funk miteinander in Kontakt.
Das ist nicht nur praktisch, sondern auf diesen Straßen ein Sicherheitsfaktor.
Überholvorgänge werden abgesprochen. Auch mit entgegenkommenden oder vorausfahrenden Lkw lässt sich kommunizieren.
Der Verkehr besteht fast ausschließlich aus schweren Fahrzeugen: Kohletransporter, Baumaschinen, Versorgungslaster.
Container sehen wir nur selten.
Touristen?
Praktisch gar nicht.
Wir Deutschen sind in dieser Einöde eine kleine Sensation.
Wolodja kümmert sich weiterhin um Essen, Einkäufe und Unterkünfte. Dima und Igor fahren.
Und wir staunen.
Kilometerlang folgen wir dem Tal der Nera durch das Tas-Kystabyt-Gebirge.
Menschen sehen wir kaum.
Tiere ebenfalls nicht.
Dafür tauchen immer wieder verlassene Ortschaften auf.
Der Niedergang einzelner Bergbaubetriebe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion führte in vielen Teilen des russischen Fernen Ostens zu erheblicher Abwanderung.
Besonders eindrucksvoll sind die Spuren des Goldabbaus.
Entlang der Nera reiht sich Abraumhalde an Abraumhalde.
Flusslandschaften wurden umgegraben, Kies bewegt, Erde durchsiebt.
Man sieht buchstäblich, wie die Landschaft nach Gold durchwühlt wurde.
Schließlich verlassen wir die Republik Sacha und erreichen die Oblast Magadan.
Wir nähern uns dem Pazifik.
Bis zum Meer ist es noch weit.
Doch erstmals steht „Magadan“ nicht mehr nur für unser entferntes Endziel, sondern für die Region, in der wir uns befinden.
An der Wasserscheide zwischen Kolyma und Indigirka machen wir auf mehr als tausend Metern Höhe Pause.
Dann erreichen wir einen der beklemmendsten Orte unserer Reise:
Kadyktschan.
Eine Geisterstadt.
Einst lebten hier Tausende Menschen, vor allem Beschäftigte des Bergbaus und ihre Familien. Nach dem Niedergang der Kohleförderung wurde der Ort schrittweise aufgegeben.
Straßen, Wohnblocks und öffentliche Gebäude blieben zurück.
Eine Stadt ohne Stadtleben.
Fensterhöhlen blicken auf leere Straßen.
Schnee liegt dort, wo früher Kinder spielten und Busse hielten.
Die Stille ist beinahe körperlich spürbar.
Weiter geht es Richtung Sussuman.
Die Oblast Magadan umfasst ein gewaltiges Territorium im russischen Fernen Osten. Berge, Tundra und Taiga dominieren. Die Bevölkerungsdichte ist extrem gering.
Über Jahrtausende lebten indigene Völker wie Ewenen und andere nordostsibirische Gruppen in dieser Region.
Im 20. Jahrhundert veränderte sich alles.
Rohstofffunde, sowjetische Industrialisierung und vor allem das Gulag-System führten Zehntausende Menschen hierher.
Viele freiwillig.
Sehr viele unfreiwillig.
Gold, Silber, Zinn und Kohle wurden zu den Motoren der Entwicklung.
Und zugleich zum Grund für unermessliches Leid.
Am Abend erreichen wir Sussuman.
Der Name wird aus dem Ewenkischen hergeleitet und mit Wind beziehungsweise Schneesturm in Verbindung gebracht.
Passend wäre es.
Während der Stalinzeit befanden sich in der Region zahlreiche Lager.
Heute ist Sussuman weiterhin eng mit der Goldförderung verbunden.
Wir beziehen unser Quartier.
Wieder liegt ein langer Tag hinter uns.
15. Von Sussuman nach Jagodnoje
In der Nacht hat es geschneit.
Zum Frühstück gibt es Milchreis-Kascha.
Dann widmen wir uns erneut der Geschichte dieser Region.
In Sussuman besuchen wir ein Gulag-Museum.
Die Ausstellung wirkt in Teilen wie eine eingefrorene sowjetische Zeitkapsel.
Porträts und Erinnerungsstücke aus der Sowjetzeit begegnen uns.
Stalin.
Mao.
Breschnew.
Doch hinter den historischen Symbolen steht die eigentliche Geschichte: das Schicksal unzähliger Menschen, die in diese Region deportiert wurden.
Danach steigen wir wieder in unsere Fahrzeuge.
Die Kolyma-Trasse führt weiter nach Süden und Osten – Richtung Magadan.
Wieder passieren wir verlassene Siedlungen.
Manchmal tauchen Gebäude am Straßenrand auf, und für einen Moment erwartet man Menschen.
Doch niemand kommt.
Kein Rauch.
Kein Fahrzeug.
Kein Hund.
Nur Schnee.
Die Straße bleibt spiegelglatt.
Jeder Fehler könnte bedeuten, von der Fahrbahn abzukommen.
Dima und Igor fahren konzentriert.
Wir reden weniger als sonst.
Manche Straßen verlangen Respekt.
In Jagodnoje erwartet uns eine besondere Begegnung.
Wir besuchen Iwan Panikarow.
Der pensionierte Maschinist hat einen großen Teil seines Lebens der Erforschung und Dokumentation des Gulag-Systems in der Region Magadan gewidmet.
Er sammelt Dokumente, Fotos, Namen und Erinnerungsstücke.
Was staatliche Archive abstrakt festhalten, bekommt durch Menschen wie ihn Gesichter und Geschichten.
Stolz zeigt er uns Veröffentlichungen, in denen seine Arbeit erwähnt wird.
Es ist bewegend zu erleben, mit welcher Beharrlichkeit ein einzelner Mensch versucht, Erinnerung zu bewahren.
Nach dem Besuch beginnt eine andere, inzwischen ebenfalls vertraute Disziplin:
Quartiersuche.
Wolodja verschwindet.
Wir warten.
Eine Stunde.
Dann noch eine.
In dieser Region lässt sich eine Übernachtung nicht per App aus einer Liste von zwanzig Hotels auswählen.
Man fragt.
Man telefoniert.
Man kennt jemanden, der jemanden kennt.
Nach einigen Stunden hat unser Quartiermeister Erfolg.
Wir beziehen eine Privatwohnung.
Wieder einmal.
Und wieder sind wir froh darüber.
16. Von Jagodnoje nach Magadan – die letzte große Etappe
Jetzt trennen uns nur noch wenige Hundert Kilometer von unserem großen Ziel.
Doch die Straße lässt keine Euphorie zu.
Wir fahren meist nur 40 bis 60 Kilometer pro Stunde.
Mehr wäre Wahnsinn.
Die Fahrbahn besteht stellenweise aus blankem Eis. Schon eine kleine falsche Lenkbewegung könnte das Fahrzeug ausbrechen lassen.
Dima und Igor wirken ruhig.
Doch man merkt, wie konzentriert sie arbeiten.
Ihre Hände liegen fest am Lenkrad.
Blick nach vorn.
Kurve.
Bremsen.
Gas.
Wieder Kurve.
Wir fahren durch Bergland, Flüsse begleiten unsere Route.
Dann überqueren wir die Kolyma.
Der Fluss, dessen Name diese ganze Region geprägt hat.
Draußen auf dem Eis entdecken wir einen einzelnen Angler.
Ein Mensch mitten in dieser weißen Unendlichkeit.
Wir fragen unsere russischen Begleiter, woher er wohl gekommen sein könnte.
Sie zucken mit den Schultern.
Keine Ahnung.
Irgendwoher offenbar.
Später sehen wir einen Notrufpunkt in einem Container, ausgestattet mit Solartechnik.
In einer Landschaft, in der Mobilfunkempfang keineswegs selbstverständlich ist, können solche Einrichtungen Leben retten.
Daneben steht ein Kohlelaster.
Der Fahrer scheint zu beten.
Vielleicht tut er es tatsächlich.
Auf dieser Straße wäre das nachvollziehbar.
Je weiter wir fahren, desto stärker spüren wir, dass sich die Landschaft verändert.
Dann kommt der Abend.
Vor uns färbt die untergehende Sonne den Himmel.
Fast gleichzeitig steigt über den Bergen der Mond auf.
Nach all dem Grau der Geschichte, nach Eisstraßen, Geisterdörfern und langen Tagen hinter der Windschutzscheibe schenkt uns Sibirien noch einmal einen jener Augenblicke, in denen man einfach schweigt.
Und irgendwann erscheint am Horizont Magadan.
17. Nach 4.495 Kilometern durch Sibirien – Magadan
Geschafft.
Nach 4.495 Kilometern durch Transbaikalien, Jakutien und die Kolyma-Region stehen wir in Magadan.
Vor uns liegt das Ochotskische Meer.
Das Meer.
Nach Tausenden Kilometern Taiga, Bergen, Schnee und zugefrorenen Flüssen besitzt allein dieser Anblick etwas Befreiendes.
Ein kalter Wind kommt von der Küste.
Wir gehen hinunter zum Strand.
Dort treffen wir einige Russen.
Wie so oft dauert es nicht lange, bis aus Fremden eine Gesellschaft geworden ist.
Wodka wird herumgereicht.
Dazu Cognac von der Krim.
Und natürlich Schaschlik.
Wir feiern unser Ankommen nicht in einem Restaurant, sondern draußen am eisigen Pazifik.
Besser könnte es kaum passen.
In der Bucht liegen Schiffe, teilweise vom Eis eingeschlossen.
Das Ochotskische Meer gehört zum nordwestlichen Pazifik. Es wird von Ostsibirien, Kamtschatka, den Kurilen, Hokkaido und Sachalin eingerahmt.
Mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometer Wasserfläche liegen vor uns.
Wasser ist allerdings im Winter ein relativer Begriff.
Große Bereiche des Meeres frieren zu oder werden von Treibeis bedeckt. Stürme, Nebel und Eis machen die Region seit jeher zu einem anspruchsvollen Seegebiet.
Magadan liegt an mehreren Buchten dieses Meeres.
Die Stadt ist heute das Zentrum der gleichnamigen Oblast.
Doch wer Magadan verstehen will, kommt an seiner Geschichte nicht vorbei.
Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre begann die sowjetische Führung mit der systematischen Erschließung der Kolyma-Region.
Dabei spielte die Organisation Dalstroi eine zentrale Rolle.
Dalstroi war weit mehr als ein gewöhnliches Wirtschaftsunternehmen. Es kontrollierte über Jahrzehnte Bergbau, Infrastruktur und große Teile des Lagerwesens im sowjetischen Nordosten.
Häftlinge wurden per Schiff in die Region gebracht.
Magadan wurde zum Eingangstor in das System der Kolyma-Lager.
Von hier führte der Weg weiter in Goldminen, Baukolonnen und Arbeitslager.
Unter extremsten Bedingungen entstanden Straßen, Siedlungen, Bergwerke und Teile der Stadt.
Auch die Kolyma-Trasse wurde mit Zwangsarbeit gebaut und später immer weiter verlängert.
Was wir in komfortablen, beheizten Fahrzeugen gefahren sind, mussten Menschen einst unter Bedingungen erschließen, die heute kaum vorstellbar sind.
Hunger.
Unzureichende Kleidung.
Krankheit.
Gewalt.
Und Temperaturen weit unter null.
Viele überlebten es nicht.
Wenn man nach Tausenden Kilometern auf dieser Straße Magadan erreicht, bekommt der Begriff „Straße der Knochen“ eine andere Bedeutung.
Er klingt nicht mehr wie ein spektakulärer Name aus einem Reiseführer.
Er steht für Menschen.
Magadan erhielt 1939 Stadtrechte und entwickelte sich später zum industriellen und administrativen Zentrum des russischen Nordostens.
Bergbau, Fischerei, Metallverarbeitung und Dienstleistungen prägen die Stadt bis heute.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verlor Magadan allerdings deutlich an Einwohnern.
Die enorme Entfernung zu den großen russischen Ballungszentren, hohe Lebenshaltungskosten und der Rückgang verschiedener staatlicher Strukturen führten zu Abwanderung.
Doch für uns ist Magadan in diesem Augenblick vor allem eines:
das Ende einer Straße.
Wir stehen am Pazifik.
Hinter uns liegen fast 4.500 Kilometer.
Vor uns das Eis des Ochotskischen Meeres.
Eigentlich könnten wir zufrieden sein.
Eigentlich.
Doch wir haben noch einen Tag.
Und deshalb müssen wir natürlich noch einmal los.
18. Am Ochotskischen Meer – Sturm über Ola
Unser letzter Tag in Sibirien wird noch einmal richtig spannend.
Von Magadan wollen wir nach Osten fahren.
Unser Ziel ist Ola.
Noch einmal hinaus.
Noch einmal an die vereiste Küste des Ochotskischen Meeres.
Schon bald verschlechtert sich das Wetter.
Wind kommt auf.
Dann Schnee.
Und schließlich zeigt uns der russische Ferne Osten, warum Winterreisen hier nie zur Routine werden.
Ein Schneesturm zieht über die Küste.
Innerhalb kurzer Zeit verschwindet die Straße unter verwehtem Schnee.
Die Sicht wird immer schlechter.
Schneefahnen jagen über die Fahrbahn.
Dima und Igor müssen sich an den Konturen der Straße orientieren.
Manchmal kann man kaum erkennen, wo Fahrbahn und Straßengraben beginnen.
Links Weiß.
Rechts Weiß.
Vor uns Weiß.
Wir kämpfen uns weiter.
Schließlich erreichen wir Ola.
Die Siedlung liegt an der Küste des Ochotskischen Meeres, nahe der Mündung des gleichnamigen Flusses.
Die Geschichte des Ortes reicht weit zurück. Russische Kosaken drangen bereits im 17. Jahrhundert bis an diese Küste vor. Später entwickelte sich Ola zu einem Ausgangspunkt für Handelswege in Richtung Kolyma.
Noch bevor Magadan zum Zentrum der Region wurde, spielte der Ort eine wichtige Rolle für den Verkehr zwischen Küste und Binnenland.
In der sowjetischen Epoche begann von hier aus ein weiteres Kapitel der Rohstofferschließung. Ende der 1920er Jahre landeten geologische Expeditionen an der Küste, die systematisch nach Bodenschätzen im Kolyma-Gebiet suchten.
Heute leben die Menschen vor allem von Fischerei und Fischverarbeitung. Auch Landwirtschaft für den regionalen Bedarf spielt trotz des extremen Klimas eine Rolle.
Wir fahren bis an die Küste.
Dann geht es zu Fuß weiter.
Der Schnee reicht bis zu den Knien.
Jeder Schritt ist mühsam.
Schließlich stehen wir dort.
Am Eis.
Vor uns das Ochotskische Meer.
Die Oberfläche ist teilweise gefroren, doch an offenen Stellen lauert eiskaltes Wasser.
Zu nah an eine Eiskante sollte man nicht gehen.
Wer hier einbricht, hätte kaum eine Chance, aus eigener Kraft wieder auf das glatte Eis zu gelangen.
Wir bleiben mit gebührendem Abstand stehen.
Wind schlägt uns ins Gesicht.
Die Welt besteht aus Schnee, Eis und einem grauweißen Horizont.
Östlich von Ola endet für uns die Straße.
Dahinter scheint nur noch Weite zu kommen.
Keine Route, die wir heute weiterfahren könnten.
Eis.
Schnee.
Gebirge.
Und irgendwann Tausende Kilometer später die Beringstraße.
Wir drehen um.
Doch unser Abenteuer ist noch nicht beendet.
Von Ola wollen wir nach Süden in Richtung Arman fahren, einem Fischerdorf an der Küste.
Wir kommen bis auf eine Passhöhe.
Dort eskaliert das Wetter.
Der Schneesturm fegt mit voller Kraft über den Pass.
Links und rechts der Straße türmen sich Verwehungen.
Wir steigen aus.
Innerhalb von Sekunden greift der Wind nach Kleidung und Gesicht.
Die Sicht beträgt nur wenige Meter.
Unsere Bärte überziehen sich beinahe augenblicklich mit Eiskristallen.
Vor uns stehen drei schwere Ural-Lkw.
Selbst diese russischen Geländemaschinen kommen nicht weiter.
Die Fahrzeuge hängen am Pass fest und blockieren die Straße.
Damit ist die Entscheidung gefallen.
Hier endet unsere Fahrt.
Weiterzufahren wäre nicht mutig.
Es wäre dumm.
Wir müssen wenden.
Auf einer normalen Straße eine alltägliche Sache.
Auf einem schmalen, verschneiten Pass bei Sturm sieht das anders aus.
Dima und Igor rangieren die Fahrzeuge vorsichtig.
Vor.
Zurück.
Wieder vor.
Der Wind treibt Schnee über die Scheiben.
Dann stehen beide Wagen in Gegenrichtung.
Wir steigen ein.
Türen zu.
Heizung an.
Und zurück nach Magadan.
Tiefgefroren, aber erleichtert.
Abschied von Sibirien
Die letzten Stunden vor unserem Abflug nutzen wir, um noch einmal durch Magadan zu gehen. Nach all den Tagen auf der Straße wirkt selbst diese abgelegene Stadt plötzlich beinahe großstädtisch.
Von Magadan fliegen wir quer über Russland nach Moskau und anschließend weiter nach Frankfurt. Innerhalb weniger Stunden wechseln wir aus einer Welt aus Permafrost, Schnee und Eis zurück nach Mitteleuropa.
Dort wartet der Frühling.
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Reiseimpressioenen von Tschita nach Irkutsk
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Reiseimpressionen Sibirien: Auf dem Weg nach Magadan
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