Winterabenteuer in den Chibinen auf der Kola-Halbinsel
Ich treffe mich mit meinen Reisefreunden Johann, Günther, Klaus, Wolfgang, Thorsten und Achim in Sankt Petersburg treffen – eine Stadt aus Stein, Geschichte und winterlicher Eleganz. Die Dämmerung liegt schon über den Kanälen, doch bei einem ersten Abendessen glüht bereits die Vorfreude. Wir wollen in eine Welt aufbrechen, die rauer und ursprünglicher ist als alles, was wir kennen: in die Chibinen auf der Kola-Halbinsel, tief im Norden Fennoskandinaviens.
Der Name Fennoskandinavien klingt nach Weite und Granit, nach uralten Landschaften. Und tatsächlich umfasst die Region die skandinavische Halbinsel, Finnland und die russische Kola-Halbinsel – ein geologisch zusammenhängender Block aus hartem, altem Gestein, der seit Jahrtausenden den arktischen Winden trotzt. Politisch gehört unser Zielgebiet zur Oblast Murmansk, bewohnt von Russen und vom indigenen Volk der Samen. Es ist ein Land, in dem die Natur noch diktiert, was möglich ist.
Mit der Murmanbahn durch die endlose Winterlandschaft
Am Ladogski-Bahnhof steigen wir in die legendäre Murmanbahn. Schon der Name weckt Bilder von Eis, Einsamkeit und langen Winternächten. Der Zug rattert los, und St. Petersburg gleitet langsam hinter vereisten Fensterscheiben davon.
Je weiter wir nach Norden fahren, desto dünner wird die Besiedlung. Birkenwälder ziehen vorbei, verlieren sich in Sümpfen und gefrorenen Seen. Die Landschaft wirkt wie eine endlose Abfolge aus Taiga und Schneeflächen, aus der gelegentlich ein zugewehter Bahnsteig oder ein Holzhaus auftaucht. Es ist ein Blick in ein Russland, das man in Städten kaum mehr findet – ruhig, weit und unberührt.
Die Geschichte der Murmanbahn begleitet uns dabei wie ein leises Echo. 1915 begonnen, wurde sie unter extremen Bedingungen durch Kriegsgefangene gebaut. Tausende von ihnen überlebten den Einsatz im arktischen Winter nicht. Heute ist die Linie ein stilles Monument dieser Zeit und eine Lebensader für die Region.
Nach vielen Stunden erreicht unser Zug Apatity, eine Stadt, die vom Mineral Apatit lebt – und von den nahen Bergen, die wir bereits in der Ferne erkennen können.
Auf Schneemobilen in die Wildnis
Hier beginnt der eigentliche Abenteuerteil unserer Reise. Die Schneemobile stehen bereit, und unser Gepäck wird auf stabile Schlitten geschnallt, die hinter den Maschinen herziehen sollen. In einem dieser Schlitten nehme ich selbst Platz, gut eingepackt in Decken und warme Kleidung.
Der Motor knattert, Schnee stoßt auf, und plötzlich rasen wir in ein weißes, lautloses Land hinein. Hinter uns verschwindet Apatity, vor uns öffnet sich die weite Schneewüste der Chibinen.
Die Chibinen – uralte Berge im Wintermantel
Die Chibinen sind ein fast kreisrundes Gebirge von rund 45 Kilometern Durchmesser – geformt durch eine gewaltige magmatische Intrusion vor 362 Millionen Jahren. Es ist ein Ort, an dem die Natur noch so existiert wie seit Jahrtausenden. Die Baumgrenze liegt wegen der nördlichen Lage bereits bei 400 Metern. Darüber nehmen Tundra und schließlich eine frostige Steinwüste ihren Platz ein.
Wir erreichen den Kukiswumtschorr-Pass, der Nord- und Südteil des Gebirges verbindet. Der Wind frischt auf, Schnee wirbelt über den Pfad, und die Gipfel erheben sich wie abweisende Wächter der Arktis. Die Maschinen arbeiten sich stetig nach oben, und als wir den Pass überqueren, liegt die Welt für einen Moment still – weiß, weit und vollkommen lautlos.
Die einsame Hütte – Rückzugsort im Winter
Unsere Unterkunft liegt abgeschieden am Ende eines zugefrorenen Tals. Eine einfache Hütte, umgeben von einer Wand aus schneebedeckten Bergen. Kein Stromnetz, keine Straße, nur wir, das Feuer im Ofen und die unendliche Stille der Natur.
Tagsüber unternehmen wir Schneeschuhwanderungen, stapfen durch knirschenden Schnee und folgen den Konturen des Tals. Die Luft ist klar und bissig, und jeder Atemzug hinterlässt eine kleine Wolke. Die Chibinen zeigen sich von ihrer schönsten, aber auch härtesten Seite.
Sturm und Kälte
Eines Nachts bricht ein kräftiger Schneesturm über uns herein. Der Wind rüttelt an der Hütte, fegt Schnee durch jede Ritze und lässt die Arktis ihre ungezähmte Kraft zeigen. Wir sitzen dicht am Ofen, hören dem Heulen des Sturms zu und fühlen uns winzig gegenüber der Natur draußen.
Ein eisiges Bad und der Atem der Barentssee
Am letzten Morgen wagen wir etwas Verrücktes – ein Bad im eisfreien Fluss unweit der Hütte. Das Wasser schneidet wie Glas in die Haut, der Atem stockt. Doch das Gefühl danach ist unbeschreiblich: pure Lebendigkeit.
Später, bei einer Wanderung, zeigt uns die Region noch einmal ihre Härte. Ein plötzlich einsetzender, eisiger Wind aus Richtung Barentssee trifft uns unerwartet, dringt durch jede Kleidungsschicht und lässt uns ahnen, was ein arktischer Sturm wirklich bedeutet.
Die Winterreise durch die Chibinen ist ein Eintauchen in eine Welt, die größer, kälter, wilder und ehrlicher ist als das, was wir gewohnt sind. Sie ist ein Abenteuer aus Schnee und Stille, ein Ausflug an den Rand der Zivilisation – und gleichzeitig tief hinein in das, wonach wir suchten: Freiheit, Natur, Ursprünglichkeit. Eine Landschaft, die man nie vergisst.
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Reiseimpressionen Chibinien
Grönland Expedition: Dort, wo Eisberge geboren werden
Dies wird mein zweiter Besuch in Grönland, und doch fühlt es sich an, als würde ich ein neues Kapitel eines alten Buches aufschlagen. Schon auf meiner ersten Arktisreise hatte ich hier mehrfach Station gemacht – kurze Begegnungen, die damals Neugier statt Sättigung weckten. Diesmal aber soll es tiefer hinein gehen: Zusammen mit Regine will ich das Inlandeis betreten, die Diskobucht erkunden, den Ilulissat Eisfjord erleben und dem gigantischen Gletscher Sermeq Kujalleq ganz nahekommen.
Anreise – Von München über Kopenhagen nach Kangerlussuaq
Der Flug nach Grönland ist wie eine langsame Verwandlung. Deutschland bleibt zurück, dann gleitet man über das weiche Grün Dänemarks – und plötzlich, fast ohne Übergang, öffnet sich das unendliche Weiß der arktischen Welt unter den Tragflächen.
Kangerlussuaq liegt tief im Inneren eines 180 Kilometer langen Fjords, geschützt zwischen kargen Hügelketten und weit geschwungenen Gletschertälern. Auf den ersten Blick mag es wie eine abgelegene Siedlung wirken, doch es ist Grönlands wichtigstes Tor zur Welt – und seit Kurzem steht seine Umgebung sogar auf der Liste des UNESCO-Welterbes.
Kangerlussuaq – Tor zum Inlandeis
Nur 25 Kilometer trennen den Ort vom Rand des gewaltigen Inlandeises – ein dünner Streifen Erde zwischen menschlicher Zivilisation und einer Eisfläche, die größer ist als ganz Deutschland.
Die Fahrt zum Inlandeis Wir steigen in ein speziell konstruiertes Geländefahrzeug, das uns durch Grönlands wilde Kontraste führen soll:– links grüne, moosige Täler, in denen vereinzelte Blumen trotzig gegen die Kälte blühen– rechts eine arktische Wüste, in der Sand durch die Luft wirbelt
Weiterflug nach Ilulissat – Stadt der Eisberge
Der Flug entlang der Küste lässt die Vorfreude steigen. Wer rechts im Flieger sitzt, wird mit einem Anblick belohnt, der in Erinnerung brennt: immer größere Eisberge tauchen unter uns auf, einige wie Kathedralen aus reinem Licht.
Ilulissat – „Stadt bei den Eisbergen“ –
liegt eingebettet zwischen bunten Häusern, knurrenden Schlittenhunden und der ewigen Bewegung des Gletschereises. Seit über 4000 Jahren leben Menschen hier, und noch heute ist das Meer ihre Lebensader. Der Sermeq Kujalleq, einer der schnellsten Gletscher der Welt, schiebt täglich rund 40 Meter Eis Richtung Meer. Die Eisberge, die er freigibt, prägen die Silhouette der Stadt – ein Blick aus den Fenstern reicht, um diese weißen Giganten zu sehen.
Hotel Arctic – Wohnen über dem Eis
Unser Quartier, das Hotel Arctic, liegt etwas oberhalb der Stadt. Schon beim Betreten begeistert die Aussicht: Der Ilulissat Eisfjord breitet sich vor uns aus wie ein Gemälde, das mit jedem Lichtwechsel neu entsteht. Es lockt ein grönländisches Buffet. Essen mit Blick auf Eisberge.
Entdeckungen rund um Ilulissat
1. Spaziergang nach Sermermiut
Die leicht zugängliche Wanderung führt entlang eines Holzstegs zu einem der schönsten Aussichtspunkte am Fjord. Hier lebten vor 4500 Jahren die ersten Menschen der Gegend – und es braucht wenig Fantasie, um zu verstehen, warum.Der Blick auf die „Altweiberkluft“, wo steile Felsen ins Eis übergehen, ist überwältigend.
2. Bootsfahrt im Eisfjord
Gigantische Eisriesen liegen an der Mündung des Ilulissat Eisfjords fest – Grund für eine der spektakulärsten Bootsfahrten der Welt.Zwischen ihnen hindurchzugleiten ist wie eine Reise durch einen Märchenpalast aus gefrorenem Licht.
Die gleiche Tour zweimal zu unternehmen, erscheint zunächst übertrieben – doch die beiden Erlebnisse sind völlig verschieden.
Die Diskobucht – Wo Eisberge und Wale sich begegnen
Die größte Bucht Grönlands ist ein Paradies aus Wasser, Fels und wanderndem Eis. Viele Walarten kommen im Sommer aus der Karibik hierher. Auf unserer Bootstour gleiten wir durch tiefblaues Wasser, während das Schnauben der Wale zwischen den Eisbergen widerhallt.Hier wirkt die Natur grenzenlos und lebendig.
Mit einem Boot geht es zur Glacier Lodge Eqi – Am Fuß des kalbenden Gletschers.
80 Kilometer nördlich von Ilulissat liegt die Lodge – einfache Hütten und Zelte, betrieben mit Solarenergie, mitten in einer der aufregendsten Landschaften der Welt. Vor uns: der Eqi-Gletscher, einer der aktivsten Grönlands. Stundenlang kann man das Donnern und Krachen hören, wenn neue Eisbrocken abbrechen und ins Meer stürzen. Ein Ereignis, das von überschlagenden Echos und meterhohen Wellen begleitet wird. Hier, wo einst berühmte Forscher wie Paul-Émile Victor oder Alfred Wegener ihre Expeditionen starteten, spürt man die Nähe zur Geschichte.
Helikopterflug über den Sermeq Kujalleq
Der Höhepunkt der Reise: ein Helikopterflug über einen der produktivsten Gletscher der Erde.Wir schweben über:
– zerklüftete Eisschluchten
– türkisfarbene Schmelzwasserseen
– haushohe Eisformationen
Der Gletscher bewegt sich bis zu 40 Meter am Tag – ein lebendiger Gigant. Nach der Landung am Rand des Inlandeises sind wir 30 Minuten völlig allein in einer Welt aus weißem Schweigen. Nur der Wind spricht.
Rückreise – Abschied vom Eis
Über Kopenhagen geht es schließlich zurück nach München.
Doch Grönland reist mit. In den Gedanken. In den Ohren, als fernes Echo des kalbenden Eises. In den Augen, als Erinnerung an endlose Weite. Und im Herzen – als Sehnsucht, eines Tages wiederzukommen.
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Reiseimpressionen Grönland 1
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Reiseimpressionen Grönland 2
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Reiseimpressionen Grönland 3




























































































































































































































































































































































































